Mittwoch, 16. September 2020

Die Verantwortung von H&M im Arbeitskampf bei Gokaldas Exports, Srirangapatna, Karnataka, Indien




 

Seit Anfang Juni kämpfen die Gewerkschaft GATWU und die Beschäftigten des H&M-Zulieferers Gokaldas Exports um ihren Arbeitsplatz, gegen die Schließung des Standorts und gegen die unrechtmäßige Kündigung von 1200 Arbeiter*innen. GATWU und der Gewerkschaftsdachverband NTUI haben diese Stellungnahme mit Forderungen an H&M verschickt. 

 

„Als großes globales Unternehmen tragen wir Verantwortung für alle unsere 177.000 Beschäftigten - aber auch für die 1,6 Millionen Textilarbeiter, die von unseren Lieferanten beschäftigt werden. Wir wollen, dass jeder mit Respekt be- handelt wird und in einer sicheren und gesunden Umgebung arbeitet.“

[Quelle: https://hmgroup.com/sustainability/ fair-and-equal.html, eigene Übersetzung] 

 

In der Fabrik ECC-2 von Gokaldas Exports Limited (GE) wird seit über sechs Jahren ausschließlich für H&M produziert. Die Fabrik ist seit dem 6. Juni 2020 Schauplatz systematischer Verletzungen von Arbeitnehmer*innenrechten. GE hat 20 Fabriken in Karnataka, darunter vier H&M Zulieferer. ECC 2 ist das einzige GE-Werk mit einer Gewerkschaft.

Zu den Verletzungen von Arbeitnehmer*innenrechten der letzten Wochen zählen Verstöße gegen das Recht auf Vereinigungsfreiheit, gegen das Rechts auf Tarifverhandlungen sowie Schikanierung, Belästigung und Einschüchterung von Gewerkschaftsmitgliedern, illegale Entlassungen und die illegale Schließung der Fabrik.

Dadurch wurden fast 1200 Arbeiter*innen arbeitslos. Der Monatslohn lag bei 8666 Rs., umgerechnet etwa 100 €. Die Kündigungen rauben den Arbeiter*innen und ihren Familien die Existenzgrundlage. GE ist der größte Arbeitgeber vor Ort, sodass die Werksschließung zu einer Verödung der Region führen wird.

Das Management von Gokaldas Exports verletzte systematisch das indische Arbeitsrecht sowie die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO. Dies geschah unter voller Kenntnis und unter Duldung von H&M. Dies bedeutet eine Verletzung des freiwilligen Verhaltenskodex von H&M, der Selbstverpflichtungen aus dem ILO-Aufruf Global Call to Action, um die Auswirkungen der Corona-Pandemie abzumildern und des Globalen Rahmenabkommens (GFA) von H&M mit IndustriAll Global Union.

H&M behauptet, dass das Unternehmen alle seine Aufträge und Zahlungen an GE geleistet hat. GE versteckt sich hinter Verschwiegenheitsklauseln und vertraglichen Verpflichtungen. H&M erkennt die massiven Arbeitsrechtsverstöße von GE zwar an. Als Folge plant H&M aber die Bestellungen bei GE über den Zeitraum der nächsten achtzehn Monaten zurückzufahren. Wir kritisieren das auf Schärfste. Weniger Aufträgen gefährden nur den Lebensunterhalt und die Arbeitsplätze der Arbeiter*innen.

Dies läuft auf eine kollektive Bestrafung der Arbeiter*innen hinaus, die sich für ihre Arbeitsrechte einsetzen und stärkt lediglich die Macht, die multinationale Unternehmen entlang der Lieferkette haben. Verantwortung für die eigene Lieferkette bedeutet, dass die Unternehmen Bestellungen, Preise und Zahlungspläne sicherstellen müssen, die nicht zum Nachteil für das Herstellungsland und die Arbeiter*innen vor Ort sind. H&M muss nachweislich Verantwortung für die eigene Lieferkette übernehmen.

In der globalen Bekleidungsindustrie produzieren die Hersteller im globalen Süden für Einkäuferunternehmen im globalen Norden. Dabei handelt es sich um Einzelhandelsunternehmen. Diese haben in der Regel im Globalen Norden ihren Hauptsitz und verkaufen dort auch den Großteil der Waren. Die Hersteller werden verpflichtet, die Arbeitnehmer*innenrechten zu gewährleisten, ob wohl doch die Hauptverantwortung für die Verletzung von Arbeitsrechten beim Einkäuferunternehmen liegt. Als alleiniger Einkäufer von ECC-2 liegt die Hauptverantwortung für die Beilegung des Streits und die Behebung der Verstöße bei H&M. Alle weiteren Einkäuferunternehmen, die von GE beziehen - wie Adidas, Bestseller, C&A, Columbia Sportswear, Gap, Puma und Reebok - müssen auch dafür zur Rechenschaft gezogen werden, dass sie geschwiegen haben, als die Arbeitsrechte in ihrer Lieferkette verletzt wurden. 

 

Hier die Fakten zum Arbeitskampf 

30. Mai 2020: GE begann über Nacht mit dem Abbau der Maschinen. GE informierte weder die Beschäftigten noch ihre Gewerkschaft GATWU darüber. Die ist nach indischem Recht ein Verstoß gegen das Arbeitsgesetz und das Recht auf Tarifverhandlungen. 

31. Mai 2020: GATWU, eine Mitgliedsorganisation von IndustriAll, informierte H&M über den Arbeitskampf. Dazu wurde das National Monitoring Committee (NMC) kontaktiert, das unter dem GFA zwischen IndustriAll und H&M eingerichtet wurde.

6. Juni 2020: GE erklärte die Entlassung aller Beschäftigten, ohne sich an das ordnungsgemäße Verfahren nach dem indischen Arbeitsrecht zu halten. Dies ist eine Verletzung des Rechts auf Vereinigungsfreiheit. GATWU informierte das NMC von H&M darüber. 

Die Arbeiter begannen ihren Protest vor der Fabrik.

Die Manager von GE schüchterten die protestierenden Arbeiter*innen ein. Sie sagten, eine Klage habe keinen Erfolg und sie forderten die Arbeiter*innen auf, ihren Protest einzustellen. Diese Aktionen von GE laufen auf eine Verlet- zung des Rechts auf Vereinigungsfreiheit hinaus. H&M wurde von diesen Einschüchterungsversuchen informiert. Videomaterial dazu wurde H&M von GATWU zur Verfügung gestellt.

8. Juli 2020: Die erste NMC-Sitzung fand statt, bei der sich die GE-Manager zunächst weigerten, die gesetzlich vorgeschriebenen Entschädigungen zu zahlen. H&M sagte, dass sie lediglich die Rolle eines Vermittlers einnehmen.

8. Juli 2020: GE zahlte die Entschädigungen. GE schickte dann aber eine Armee von Managern und Vorarbeitern in die Arbeiterdörfer, um die Arbeiter*innen zur Aufgabe zu bewegen. Die Vertreter des Unternehmens gingen zu den Arbeiter*innen nach Hause und versuchten sie dazu zu bringen, ihre Klage zurückzuziehen. Dabei nutzten sie aus, dass die Arbeiter*innen in ihrer Mehrheit Frauen und Angehörige historisch benachteiligter Kasten sind. Diese Aktionen von GE stellen einen schwerwiegenden Verstoß gegen das Arbeitsrecht dar. Videomaterial von diesen Aktionen von GE wurde ebenfalls an H&M über- geben.

31. Juli 2020: Anhaltende und wiederholte Bemühungen von IndustriALL führten schließlich zu einer Einigung auf eine NMC-Sitzung am 6. August 2020.

1. August 2020: GE lud GATWU zu einem Treffen am 4. August 2020 ein, um Zitat „die aktuellen Entwicklungen bei ECC-2 und die nächsten Schritte/ Lösungen zu erkunden“.

4. August 2020: Bei dem Treffen zwischen GE und GATWU behauptete GE, es gebe keinen Streit da alle Beschäftigten „gekündigt“ hatten, während GATWU auf die Wiedereröffnung von ECC-2 drängte.

6. August 2020: im Protokoll der August-Sitzung zwischen GATWU und GE gab GE zu: „Während wir nicht in der Lage waren, Ihre Forderung nach einer Wiedereröffnung des Standorts zu erfüllen, werden wir uns doch weiterhin engagieren und Wege finden, um eine gütliche Einigung in dieser Angelegenheit zu erzielen“.

6. August 2020: Auf dem NMC-Treffen wurde angesichts der zahlreichen Rechtsverstöße von GE vereinbart, dass Verhandlungen über die Wiedereröffnung von ECC-2 begonnen werden sollen. Dies sollte mit Unterstützung von H&M und IndustriAll geschehen.

12. August 2020: Auf dem NMC-Treffen brachten weder H&M noch GE einen Vorschlag zur Verhandlung ein, noch haben sie einen Vorschlag unterbreitet, wie der Standort wiedereröffnet werden kann. Damit haben H&M und GE gegen ihre Vereinbarung von der Sitzung des NMC am 6. August verstoßen. Abgesehen von der Behauptung, die Bestellungen zurückzufahren, hatte H&M nichts zu sagen. Damit machen sie sich direkt mit- schuldig an der illegalen Schließung von ECC-2 und den Massenentlas-sungen. 

H&M ist der Ansicht, dass es seine Lieferanten nicht anweisen kann, bestimmte Standorte zu erhalten. Dies mag zwar sachlich richtig sein, aber angesichts der massiven Arbeitsrechtsverletzungen und dem Ausmaß der Entlassungen, musst H&M in Übereinstimmung mit dem eigenen Verhaltenskodex und dem GFA mit IndustriAll Verantwortung für die Arbeiternehmer*innen in der Lieferkette übernehmen. H&M muss Gewerkschaftsrechte respektieren.

Zwei Monate und zweiundzwanzig Tage nach der illegalen Entlassung ist H&M noch nicht tätig geworden. Daher fordern wir, dass H&M Folgendes gewährleistet 

 

Daher fordern wir, dass H&M folgendes gewährleistet

1. Beilegung des Streits mit Gokaldas Exports über Zahlungsfristen, Bestellungen und Preise, sodass GE in der Lage ist, ECC2 spätestens am 15. September wieder zu eröffnen.

2. Verpflichtung zu künftigen Bestellungen für ECC2 für mindestens drei Jahre, um sicherzustellen, dass der Standort auf dem gegenwärtigen Beschäftigungsniveau lebensfähig ist.

3. GATWU ist als einziger Verhandlungspartner bei ECC2 anerkannt.

4. Zahlung der Lohnkosten der unrechtmäßig entlassenen Arbeitnehmer für die gesamte Dauer der des Corona- Lockdowns und des Arbeitskampfes. Zahlung einer Entschädigung in Höhe von drei Monatsgehältern an die Arbeiter*innen, die unter Zwang zur Kündigung genötigt wurden.

5. dass H&M im Einklang mit dem globalen Aktionsaufruf der ILO handelt, ihren eigenen Verhaltenskodex umsetzen und das mit IndustriALL vereinbarte GFA achten.

 

 

 

Dienstag, 8. September 2020

Wir fordern von H&M: Stop Union Busting und ReOpen ECC-II now!


 

Dieses Video zeigt: H&M ist unmittelbar an union busting und Arbeitsrechsverletzungen in der Lieferkette beteiligt! H&M befragt im Geheimen Arbeiter*innen, die früher in der Fabrik ECC-II von Gokaldas Exports gearbeitet haben. Das Ziel: die Kolleg*innen einschüchtern, damit sie nicht länger ihren alten Arbeitsplatz zurück fordern. Dies ist ein inakzeptables Verhalten in dem Arbeitskampf beim H&M-Zulieferer gegen die Schließung des Standorts. Wir fordern von H&M: Stop Union Busting und ReOpen ECC-II now! 

Freitag, 14. August 2020

Und H&M bewegt sich doch! Internationale Solidarität und lokaler Arbeitskampf setzen Einzelhändler unter Druck



Seit Anfang Juni dauert der Kampf der 1.200 Beschäftigten von Gokaldas Exports im südindischen Srirangapatna um ihre Arbeitsplätze und gegen die Zerschlagung ihrer Fabrikgewerkschaft an. Der Arbeitskampf hat Symbolcharakter: Hersteller in ganz Südasien nutzen die Corona- Pandemie, um gewerkschaftlich organisierte Standorte zu schließen. Erzielen Gewerkschaft und Beschäftigte hier einen Erfolg, ermutigt dies andere Beschäftigte und weist die Unternehmen in die Schranken. 


Trotz Kündigungen kein Grund zum Pessimismus

Auf den ersten Blick sieht es in dem Arbeitskampf aktuell nicht gut aus: die meisten der 1.200 Beschäftigten haben mittlerweile zähneknirschend die Kündigung akzeptiert und Abfindungen angenommen. Da die Löhne niedrig und die Frauen oftmals die Hauptverdienerinnen in ihren Familien sind, war der Druck auf sie sehr groß. Zudem schickte das Management von Gokaldas Exports Handlanger zu den Arbeiter*innen nach Hause, um sie zum Unterschreiben der Kündi- gung zu nötigen. Entsprechende Szenen zeigt das Video hinter dem QR-Code.

Die Arbeiter*innen und ihre Gewerkschaft GATWU bleiben aber bei ihrem Protest und ihren Forderungen: die Fabrikschließung ist illegal und damit auch die Kündigungen. Daran ändern auch die erzwungenen Unterschriften unter Kündigungen nichts. Die Fabrik muss wiedereröffnen. Eine entsprechende Klage läuft vor der zuständigen Arbeitsbehörde und Arbeiter*innen und Gewerkschaft protestieren weiter.


H&M will nun doch Verhandlungen

Die Hartnäckigkeit der Kolleg*innen vor Ort und der internationale Protest zeigen Wirkung. Aktive Kolleg*innen und der Gesamtbetriebsrat von H&M, der Fachbereich Handel von ver.di, der globale Gewerkschaftsverband IndustriAll sowie weitere Gewerkschaften fordern von H&M ein, Verantwortung für die 1.200 Beschäftigten zu übernehmen und Druck auf das Management von Gokaldas Exports auszuüben. Mit Fotoaktionen, in Protesterklärungen und in Verhandlungen haben die Gewerkschafter*innen H&M mit der Lage vor Ort und den Forderungen der Kolleg*innen konfrontiert. Mit Erfolg: H&M hat anerkannt, dass sie Verhandlungen mit dem Management von Gokaldas Exports und Vertreter*innen der Gewerkschaft GATWU über eine Lösung des Konflikts führen müssen.

Wie diese Verhandlungen ablaufen werden, ist noch unklar und hängt von weiteren Solidaritätskationen und den kämpfenden Arbeiter*innen vor Ort ab. Aber unsere Kolleg*innen von GATWU gehen mit einer klaren Position in die Gespräche: der Standort bleibt und die Arbeiter*innen erhalten ihren Arbeitsplatz zurück.

 
Tryck - die einzige Sprache, die man beim schwedischen Einzelhändler versteht?

Es zeigt sich erneut: H&M reagiert nur auf gewerkschaftlichen Druck und Druck von Beschäftigten und Betriebsräten. Dies erleben die Beschäftigten bei H&M in Deutschland auch aktuell. Anstatt mit ver.di und den Beschäftigten über die Einführung von neuen Technologien und Arbeitsprozessen im Zuge der Digitalisierung zu verhandeln, will H&M die eigene Agenda durchsetzen. Die Interessen der Beschäftigten an guten Arbeitsbedingungen, sinnvoller Arbeit und Arbeitsplatzsicherheit bleiben auf der Strecke. Aber das Beispiel Gokaldas Exports zeigt: betrieblicher Druck - Tryck auf schwedisch - und internationale Solidarität wird in den Unternehmenszentralen von H&M in Hamburg und Stockholm verstanden.

Mittwoch, 5. August 2020

Drohen weitere Betriebsschließungen, noch stärkerer Personalabbau und eine Erweiterung der Arbeit?


H&M lehnt Verhandlungen über einen Digitalisierungstarifvertrag ab


Es ist das immer gleiche Drehbuch: Wen nein Unternehmen im Rahmen einer Umstrukturierung Betriebe schließen, Personal abbauen und Arbeit entwerten will, dann werden Betriebsräte und Gewerkschaften angegriffen, weil sie für Standort- und Beschäftigungssicherung und für qualifizierte Arbeit stehen.

Vor diesem Erfahrungshintergrund muss das aktuelle Vor- gehen von H&M bewertet werden.

Nachdem der Gesamtbetriebsrat am 24. Juni die Geschäfts- führung von H&M aufgefordert hatte, mit ver.di über einen Digitalisierungstarifvertrag zu verhandeln, erfolgte am selben Tag die Ankündigung des Unternehmens, den GBR drastisch verkleinern zu wollen.

Am 31. Juli kündigte H&M die Gesamtbetriebsvereinbarung zur Verkleinerung des GBR und schlug eine neue Vereinbarung vor, in dem der GBR von derzeit 40 auf zukünftig acht Mitglieder reduziert werden soll.

WAS SIND DIE FAKTEN?

  • Die Anzahl der zu verhandelnden Projekte sind in den letzten Jahren massiv gestiegen, eine weitere Steigerung hat H&M bereits mehrfach angekündigt. Nahezu alle übergreifenden Projekte aller Fachabteilungen von H&M müssen über den Tisch des GBR laufen.

  • Darauf hat H&M reagiert und sich mit der Schaffung einer zusätzlichen Managementebene selbst personell massiv verstärkt, um den wachsenden Anforderungen gerecht zu werden. H&M hat für Deutschland sogar eine neue Stelle für Verhandlungsmanagement geschaffen.
  • Bei einer stetig ansteigenden Zahl von Verhandlungen ist eine Verkleinerung des GBR für einen ehrbaren Kauf- mann keine richtige Schlussfolgerung - denn dadurch können die Vertretungen der Beschäftigten nicht mehr auf Augenhöhe verhandeln.

Auf diese Weise entmündigt H&M die Beschäftigten. Denn Betriebsräte sind von den Beschäftigten demokratisch gewählt, um in den eigenen Angelegenheiten im Betrieb und im Unternehmen gehört und beteiligt zu werden. Ähnlich undemokratisch geht H&M gegen die Beschäftigten vor, die ihr Grundrecht auf Vereinigung in einer Gewerkschaft wahrnehmen: Mit gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten nicht zu reden bedeutet, sie zum Schweigen bringen zu wollen. Diesen Ansatz verfolgt offenkundig die Unternehmensspitze:

     • Mit ver.di-Schreiben vom 21. Juli wurde H&M zu Verhandlungen über einen             Digitalisierungstarifvertrag aufgefordert und um Rückmeldung samt Terminvorschlägen bis zum 3. August gebeten.

Eine Antwort erfolgte nicht.

Damit ist zu befürchten, dass H&M im Rahmen seiner beabsichtigten Digitalisierungsstrategie weitere Betriebe
schließen, Personal abbauen und Arbeit entwerten will. Anstatt die ZukunftmitdenBeschäftigten gemeinsam zu gestalten, will H&M offenbar bei der Umstrukturierung des Unternehmens harte Fakten schaffen und die betroffenen Kolleginnen und Kollegen vor vollendete Tatsachen stellen. Im schlimmsten Fall sind dies Kündigungen oder ein Auslaufen befristeter Verträge.

JETZT MUSS GEHANDELT WERDEN!

Unmittelbar nach der Sommerpause wird die ver.di- Bundestarifkommission am 04. September und am 15./16. September zusammenkommen, um die Beteili- gung der Beschäftigten bei der geplanten Umstrukturie- rung von H&M sicherzustellen: Nur die eigene Beteiligung gibt den Beschäftigten die Möglichkeit, ihre eigenen Interessen zu formulieren und in den Umstrukturierungs- prozess einbringen zu können. In einem Digitalisierungs- tarifvertrag muss für die Beschäftigten sichergestellt werden:

• Beteiligung am Zukunftskonzept
• Beteiligung für nachhaltige Beschäftigungssicherung
• Beteiligung mit dem Ziel guter, gesundheitsförderlicher Arbeit

Beteiligung erreichen wir nur gemeinsam. In jeder Filiale müssen deshalb möglichst viele Kolleginnen und Kollegen Mitglied bei ver.di werden und dabei helfen, in den eigenen Filialen gewerkschaftliche Aktiven-Strukturen auf- zubauen. H&M wird die Beschäftigten bei der Gestaltung der Zukunft nur dann beteiligen, wenn wir viele sind!

Verteidigung der Mitbestimmung und die Durchset- zung eines Digitalisierungstarifvertrages - das sind zwei gute Gründe für dich, Mitglied bei ver.di zu sein und neue Mitglieder für ver.di zu werben: Damit wir gute Arbeit mit Zukunft gemeinsam gestalten können!



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Mittwoch, 1. Juli 2020

Kann H&M wirklich zum Krisenprofiteur werden?




Viele Blicke sind die Tage auf H&M gerichtet. In der Halbjahreskonferenz von H&M berichtete Konzernchefin Helena Helmersson über Umsatzeinbrüche von 50% und einem Verlust von knapp 500 Millionen Euro im abgeschlossenen 2. Quartal.

Darauf bezugnehmend veröffentlichte der SPIEGEL einen Bericht, in welchem ein Branchenexperte schilderte, wie H&M über viele Jahre zwar eine ganze Reihe von Entwicklungen „verschlafen“ habe, die momentane Krise allerdings als Beschleuniger der Entwicklung des Unternehmens in Bezug auf den Onlineshop, digitale stationäre Geschäfte und mehr Schnelligkeit wirken könne.

Dem zum Anlass haben wir einen H&M-Unternehmensexperten gefragt und hinter die Kulissen geschaut, wie es derzeit unternehmensintern um die Entwicklung der deutschen stationären Einzelhandelsgeschäfte bei H&M steht.

Auf die Frage, wie die von Helena Helmersson bekannt gegebenen Konzernumsätze im Hinblick auf den deutschen Markt zu bewerten sind, gibt unser Unternehmensexperte zu bedenken, dass es sich um Zahlen aus dem 2. Quartal (März - Mai 2020) des gesamten Konzerns handelt. Zu einem Großteil dieses Zeitraums war eine Vielzahl der Stores komplett unbeeinflussbar geschlossen, womit ein derartiger Umsatzrückgang und Verlust völlig logisch sind und nicht verwunderlich sein können. Wesentlich interessanter wäre somit eine Betrachtung der aktuellen Kennzahlen der deutschen Geschäfte im Juni, also seit Wiedereröffnung der Stores und Abflachung der behördlichen Corona-Vorgaben. Hier gibt es Anlass zur Vermutung, dass diese Zahlen in vielen Stores wieder wesentlich optimistischer aussehen, denn in vielen Filialen hat die Kundenfrequenz wieder derart angezogen, sodass kaum Zeit für Infektionsschutzmaßnahmen war und die Berechtigung der Kurzarbeit öffentlich in Frage gestellt wurde (wir berichteten hier). Dieser Eindruck ging auch aus einer Umsatzbetrachtung der Stores innerhalb der Verhandlungen zu Kurzarbeit ab Juni unmittelbar nach Storeeröffnung hervor und erhärtet sich dadurch, dass sich H&M seitdem bei den aktuellen Unternehmenskennzahlen bedeckt hält und eine Bekanntgabe dieser dem Gesamtbetriebsrat und Wirtschaftsausschuss verweigert. 



H&M steht sich bei der Digitalisierung selbst im Weg

Im Hinblick auf eine Beschleunigung der Entwicklung durch die Krise ist zunächst in Frage zu stellen, ob H&M dafür in seinen Planungen überhaupt schon weit genug ist. Der Gesamtbetriebsrat sprach sich schon lange vor der Pandemie für ein Zukunftskonzept der Stores aus und ist dementsprechend schon fortlaufend an einer Entwicklung von möglichen Zukunftskonzepten („Store der Zukunft“ und „Mitarbeiter*innen der Zukunft“). Leider ist man sich nach Insiderinformationen mit H&M nicht über diese Zukunftskonzepte einig. Während der Gesamtbetriebsrat auf Verbesserung und technische Neuerungen setzt, dabei aber gleichzeitig auf den Erhalt von Arbeitsverhältnissen, Gesundheitsschutz, Qualifikation und Eingruppierung wert legt, versucht H&M vornehmlich 1:1 seinen Mitbewerbern wie beispielsweise ZARA nachzueifern und vergisst dabei die Beschäftigten bei den Veränderungen mit ins Boot zu holen. Die umfassende Betrachtung des Gesamtbetriebsrat ist dabei allerdings nachvollziehbar, denn bei Mitbewerbern haben sich mit der digitalen Transformation auch Nachteile gezeigt, welche es aus Sicht der Arbeitnehmervertretungen bei H&M zu verbessern gilt. Eine derartige Verbesserung oder Gesamtbetrachtung ist von H&M jedoch an keiner Stelle angedacht.

Probleme aus einer fehlenden Gesamtbetrachtung zeigen sich schon heute insbesondere beim Mitbewerber ZARA, welcher H&M bei der digitalen Transformation weit voraus ist: Viele der Beschäftigten haben im Zuge von Automatisierung ihren Arbeitsplatz verloren oder erkennen diesen nicht wieder. Denn durch die Einführung von Automatisierungstechnologien wie beispielsweise RFID, sind für das Unternehmen rechtliche Lücken und Möglichkeiten entstanden, einen Großteil der anfallenden Tätigkeiten in den Stores und im Lager dauerhaft an andere Unternehmen outzusourcen. Viele Tätigkeiten sind gänzlich weggefallen, die wenigen weiterhin bestehenden Tätigkeiten werden nun meist durch Fremdunternehmen ausgeführt. Dies ist für ZARA wesentlich günstiger: Denn es besteht für diese Fremdfirmen weder Tarifbindung, noch muss ZARA sonstige Lohnnebenkosten direkt tragen. Verlierer sind die Beschäftigten. Diejenigen, die noch direkt bei ZARA angestellt sind, beklagen zunehmende Monotonie und technische Überwachung auf Schritt und Tritt. Dass derartige Vorgehensweisen nicht auch bei H&M so umgesetzt werden, möchte H&M den Arbeitnehmervertretungen allerdings nicht versichern beziehungsweise bestreitet derartige Möglichkeiten sogar.

Außerdem werden von Arbeitnehmervertretungen viele von denen von H&M geplanten Maßnahmen als bewusste Verlagerung von Umsätzen aus den Geschäften hinaus in den Onlineshop angesehen. Das Problem dabei: Die Stores und der Onlineshop sind bei H&M gesellschaftsrechtlich getrennte Unternehmen. Allerdings muss jedes Unternehmen für sich selbst profitabel bleiben und derartige Umsatzverlagerungsmaßnahmen führen zwar zu einem Push des Onlinehshops, gleichzeitig werden die Stores aber zunehmend geschwächt. Auch dies kann die Schließungen und Entlassungen in den Stores zusätzlich beflügeln. Gespräche über die Umsetzung eines vom Gesamtbetriebsrat geforderten Gesamtkonzepts, welches unter anderem die Zusammenlegung beider Gesellschaften beinhaltet, werden bisher von H&M ebenso blockiert. 



Forderung eines Tarifvertrags zur Digitalisierung

Anstelle der Nacheiferung von Mitbewerbern ohne Wenn und Aber, muss es aus Sicht der Arbeitnehmervertretungen und ver.di-Aktiven bei H&M das vornehmliche Ziel bei der Transformation des Unternehmens sein, Digitalisierung, Standort- und Beschäftigungssicherung und gesunde Arbeit als Gesamtkonzept zu vereinen. Aus diesem Grund wird von diesen ein Tarifvertrag zur Digitalisierung gefordert.

Dies wäre ein erster wichtiger Schritt in eine positive Zukunft von H&M. Nach Informationen unseres Unternehmensinsiders, ist die deutsche Unternehmensleitung davon derzeit leider weit entfernt. Anstelle gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretungen an der Zukunft im Sinne der Beschäftigten und des Unternehmens zu arbeiten, wird von H&M zunehmend versucht, die Verantwortlichkeit von Versäumnissen aus der Vergangenheit auf die Arbeitnehmervertretungen abzuwälzen. Während H&M den Verhandlungen zum Abschluss eines (in anderen Unternehmen bereits existierenden) Digitalisierungstarifvertrags bisher die Absage erteilt hat, arbeitet die deutsche Unternehmensleitung nicht an der Mitnahme der Beschäftigten im Digitalisierungsprozess, sondern an deren Zerschlagung.

Zunächst wurde versucht, den Gesamtbetriebsrat dazu zu drängen zu unterschreiben, zukünftig weitestgehend darauf zu verzichten, eine eventuelle Abmilderung der oben genannten negativen Auswirkungen durchzusetzen und auf Punkte wie den Erhalt von Arbeitsverhältnissen, Gesundheitsschutz, Qualifikation und Eingruppierung einwirken zu können („Digitalpakt“). Als der Gesamtbetriebsrat diese Unterschrift verweigert hat, wurde von H&M sogar betriebsöffentlich und unbefangen die Zerschlagung des Gremiums gefordert. Dass eine Zerschlagung der Vertretung der Beschäftigten eine mittelbare Zerschlagung der Beschäftigten selbst zur Folge hat, scheint H&M dabei nicht zu interessieren.

Ob H&M mit dem aktuellen Vorgehen zum Profiteur der Krise werden kann, bleibt abzuwarten, der Abschluss eines Tarifvertrags zur Digitalisierung wäre aber der erste große Schritt in die richtige Richtung. 



Quelle:
  
SPIEGEL: Wie H&M zum Krisenprofiteur werden kann